Dr. Stefan Betge
Wir trauern um das Universitätsklinikum Jena
Im 448. Lebensjahr ist es nach langer schwerer Krankheit verstorben.
Ganz schleichend verwandelte sich die Klinik von einer universitären Einrichtung
zu einem Institut, in dem erlösorientiert immer und immer mehr Patienten
behandelt wurden.
Prozessoptimierung, Fallzahlen, Liegedauer. Das waren die Schlagwörter, die zum
Anreiz dienten weiterzumachen, auszuhalten.
Lange Jahre versuchten die in der Klinik arbeitenden Ärzte trotz stetig
sinkender Planstellen, diesen steigenden Anforderungen gerecht zu werden.
Verbrachten Ihre Tage, Nächte und Wochenenden damit, den Patientenfluß zu
verwalten. Spendeten ihre Überstunden, gaben ihre Kraft. Bis sie nicht mehr
konnten.
Viele Jahre wurde die Forschung aufrechterhalten. Nahezu liebevoll spendete die
Klinik in der Nacht ihren Ärzten Licht, damit der wissenschaftliche Fortschritt
auch in Jena mitgestaltet werden konnte. Bis die Kraft versagte.
Über viele Semester wurde von den Ärzten versucht, den Studierenden der
Universität zwischen Operationen, Visiten und der steigenden Anzahl an Patienten
doch noch einen hochwertigen Unterricht zu bieten, die Zukunft der deutschen
Medizinerlandschaft exzellent auszubilden. Bis sie nicht mehr konnten.
Wir fragen uns: Wie konnte es dazu kommen?
Es waren politische Entscheidungen, die unsere Klinik in den letzten Jahren
bestimmten und werden politische Entscheidungen sein, die die Zukunft bestimmen.
Darum findet diese Veranstaltung hier in Erfurt, vor der Staatskanzlei statt.
Sterben gehört zum Leben. Denn es muss Platz entstehen für Neues.
Doch was soll denn jetzt entstehen? Wie soll die neue Klinik aussehen?
Von der Bundesrepublik Deutschland, unserem Land wird gesagt, es könne im
internationalen Wettbewerb nur bestehen, wenn es sich als hochqualifizierter
Dienstleistungs- und Wissenschaftsstandort profiliert. Dies gilt auch und
vielleicht gerade im Besonderen für das Bundesland Thüringen. Die
Universitätsklinik Jena war in ihrer Synthese aus hochwertiger
Patientenversorgung, zukunftsorientierter Forschung und profunder Lehre ein fest
integrierter Bestandteil des Wissenschaftsstandortes Thüringen.
Wenn wir............und wir, dass sind die Assistenzärzte, die Oberärzte und die
Kliniksdirektoren............wenn wir alle nicht zusammenstehen, dann wird aus
diesem Klinikum eine Anstalt, in der die Orientierung auf Profit als einzige
Maxime gilt.
Wir haben alle das gleiche Ziel. Wir wollen in Jena eine universitäre
Einrichtung erhalten.
Wenn wir es jetzt nicht gemeinsam schaffen, dieses Ziel zu erreichen, dann hat
Thüringen in Zukunft das Rennen verloren.
Exzellente Krankenversorgung braucht eine ausreichende Anzahl an Ärzten.
Forschung braucht Freiheit und Freiraum.
Lehre braucht hochwertige Konzepte und auch hier stellen Zeit, Freiraum und
ausgeruhte Ärzte die Grundbedingungen dar.
Liebe Trauergäste:
Wir geleiten die Klinik zu Grabe. Aber dies tun wir mit dem Wunsch und in der
Hoffnung, dass Konzepte für eine Wiederauferstehung des universitären Gedankens
gefunden werden können.
Wir stehen heute hier. Zum einen als Trauernde, zum anderen aber als
Verhandlungspartner.
Lassen Sie uns gemeinsam ein Licht der Hoffnung entzünden.