Offener Brief an Herrn Dr. Leichsenring

Sehr geehrter Herr Dr. Leichsenring,

mit einiger Verwunderung habe ich bei der abendlichen Lektüre der TLZ vom 30.05.2006 im Landesspiegel in einem Artikel, geschrieben von Frau Lioba Knipping, lesen müssen: 

Zitat: 

 "Personalratschef  Andreas Leichsenring kann die Motivation der Streikenden mittlerweile nicht mehr verstehen. "Die Tarifgemeinschaft deutscher Länder hat mit der Gewerkschaft verdi einen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst ausgehandelt.""  

Zitat Ende.

Zunächst und Ihnen nicht anzulasten (Journalisten mogeln bei schlechter Recherche etwas hinein)  –  es ist die TdL, die Tarifgemeinschaft der Länder, die da was ausgehandelt haben mag.

Aber weiter: Dass Herr Bsirske und mit ihm ver.di in der Schmollecke stehen, weil der Marburger Bund ihnen das Verhandlungsmandat im vergangenen Jahr und wohl begründet, entzogen hat, Tarifverhandlungen auch für Ärzte zu führen, ist bekannt.

Das Verhalten der TdL – mit dem Marburger Bund mehrfach am Verhandlungstisch zu sitzen – dann aber mit einem mit ver.di geschlossenen Vertrag eine Rechtsgültigkeit auch für die Ärzte an den Universitätsklinika herbeizuzaubern zu wollen, ist nach aktuellen gutachterlichen Stellungnahmen nicht haltbar.
Es gibt keine Tarifeinheit im selben Unternehmen: Differenzierungen zwischen Lokomotivführer, Zugbegleit- und anderem Bahnbetriebspersonal bei der Bahn AG, dem Cockpit-, Kabinen- und Bodenpersonal bei der Lufthansa sind rechtlich durchgefochten.
Nun möchten sie die Krankenschwester mit dem Arzt über einen Kamm geschert sehen?
Schon allein eine aktuelle Situation zeigt Diskrepanzen auf:
Die übliche Abfolge von Dienst – Bereitschaftsdienst – Dienst bringt den Arzt dazu, innerhalb von 32 bis 34 Stunden seitens des Pflegepersonals mit fünf Schichten konfrontiert zu sein. Gut, nur ein Fakt. Aber: Keine Anerkennung der in den Nachtstunden geleisteten Arbeit der Ärzte ohne zusätzlichen Anspruch auf mehr Urlaubstage!
Den aber (ohne jeden Neid!) die Krankenschwester im Drei-Schicht-System hat?!

Sie nun äußern Ihr Unverständnis? Sind Sie schlecht informiert oder ignorieren Sie die Fakten?

Sieht man sich den vorgelegten TVöD zwischen TdL und ver.di an, mag ich als Facharzt / Oberarzt zufrieden sei, da werden mir horrende Gehaltserhöhungen vorgerechnet, doch darum geht es nicht.

Anderes ist es, was auf der Strecke bleibt:
Wer nicht zu erst nach dem Geld schielt (und ich gehöre mit dem Geburtsjahrgang 1952 eben noch zu denen, die die Segnung hatten, mit einer altruistischen Grundeinstellung in den Beruf gegangen zu sein) muss auch nach anderen Dingen sehen:

Ich erlebe eine mehr als dramatische Verdichtung ärztlicher Arbeitsaufgaben: Verringerung der Bettenzahlen, Verkürzung der Verweildauern, Zunahme der Behandlungsfälle, aber eben auch damit verbunden die immer kürzer werdende Zeit, am und mit dem Patienten und seinen Angehörigen im Gespräch, ihnen in der Bewältigung von akuter oder auch mehr chronischer Krankheit ein angemessener Partner zu sein.

Ich möchte wieder mehr für meine Patienten da sein!

Weitere Zeit wird gefressen von einer Praxis zunehmender Verwaltungsarbeit: per Gesetz wird die ökonomische Situation den Ärzten überantwortet – nur ausgebildet ist der Krankenhausarzt dafür nicht, das Medizin-Controlling mahnt ihn besser, zu kodieren, weil Kodierung und Alltag in dem vom Klinikum eingekauftem System von SAP  & Verwandtschaft aber nicht gut abgestimmt sind, macht es dem jungen Assistenzarzt Bauchgrummeln, wenn er ein "gelbes oder gar rotes SAP/KODPIP-Gesicht" zur Abrechnung schickt. Was macht er? Er ruft verzweifelt nach dem OA, der es dann richten soll. Nur: 

Eine dem Menschen zugewandte Medizin ist ökonomisch nicht vollständig "abzubilden" –
ein Teil muss finanziert werden, ohne in eine "Kosten-Nutzen-Relation" zu verfallen
!

 Wenn die Kassen dann plärren? Und den MDK anrufen?

Dann habe ich als OA derzeit ca. 20 % der von uns abgeschlossenen Fälle wieder auf dem Schreibtisch und begründe, warum wir so und nicht anders kodiert haben, immer eine fettgedruckte Zeile vor mir, wieviel Erlösausfall in € eine Annahme des MDK-Gutachten nach sich ziehen würde. Von Fall zu Fall verschieden, durchschnittlich aber in einer niedrigen vierstelligen Zahl. Bearbeiten kann ich sie nur vor Ort (weil auf das ISH-MED angewiesen), am besten zu einer Zeit, da mich keiner in der Klinik vermutet und ich damit ohne Gefahr von Anrufen arbeiten kann, nur – nicht exakt in einer Zeitanalyse zu erfassen.
Weiter: Die Erfolgsquote ist leider frustrierend gering, aber die Bürokratie hat "gewonnen". Und einmal mehr: Die Patienten und ihre Eltern bleiben auf der Strecke! 

Ich arbeite lieber in Nähe des Patienten und nicht am Schreibtisch!

Wie steht es mit der akademischen Lehre?
Sie findet überwiegend in der normalen Arbeitszeit statt.
Nicht immer: Einzeln gibt es auch mal Vorlesungszeiten, die von 14:45 bis 16:15 h reichen, d.h., hier plant das Studiendekanat meine "Mehrminuten".

Die Vorbereitung von Lehrstunden, jedwede für die Medizinstudenten und damit dem eigenen Nachwuchs an jungen und dann auch engagierten Ärzten aus Deutschland und Studierenden aus anderen Ländern, aber sind ein heimliches Kontingent an Mehrstunden – real existierend, nie exakt abgerechnet, weil zumeist am späten Abend geleistet, wird da zwischen Literaturrecherche, kritischer Wichtung, Neu-Erstellung oder Aktualisierung  z.B. für eine Power-Point Präsentation  einer 1½-stündigen Lehrveranstaltung oft das Mehrfache an Zeit ohne Bezahlung gearbeitet.

Mir als an einem Universitätsklinikum angestelltem Arzt ist es aber wichtig, weil das Gesundheitssystem in seiner elementaren Suffizienz über die nächsten Jahrzehnte sichernd, hier und heute adäquate Ausbildungsformen einzufordern, die in einer praxisnahen, am Bett des Patienten zu leistenden Ausbildung nur mit einer entsprechend personellen Ausstattung zu erbringen sind.

Im akademischen Unterricht möchte ich für "meine" Studenten da sein
und  überzeugend für den Arztberuf stehen!

Zum Forschen kein Wort, warum auch, dafür ist für den jungen Assistenten bislang keine Zeit geblieben!
Wenn die Länder in der föderalen Bundesrepublik Deutschland weiter den Anspruch hegen, in der medizinischen Forschung internationale Spitzenergebnisse generieren zu wollen, sind ganz klar andere Finanzierungsmodelle notwendig.

Jungen und engagierten Ärzten muss die Chance zu einer adäquaten
wissenschaftlichen Qualifikation innerhalb der regulären Arbeitszeit ermöglicht werden!

 
Sehr geehrter Herr Dr. Leichsenring,

war die eingangs zitierte Äußerung ihre private Meinung, dann sollten wir darüber diskutieren, wenn Sie Ihren eigenen Horizont erweitert haben, diverse web-seiten z.B. über www.marburger-bund.de oder sklaven-in-weiss.de mögen Ihnen hilfreich sein;

sollten Sie diese Äußerung in Nibelungen-Treue zu Herrn Bsirske als ver.di-Mitglied diesem hinterher gehechelt haben,  dann ist es wohl an der Zeit, über die Redlichkeit von Interessenvertretung im Personalrat des Klinikums und gewerkschaftlichem Eintreten sehr sauber zu unterscheiden und Konsequenzen bezüglich einer strikten und auch nach außen transparenten Trennung zu ziehen; weiter macht es mich dann sehr stutzig, wie bei Gewerkschaften die "große" meint die "kleine" dominieren zu müssen.
Die Größenverhältnisse sprechen Bände: Bei ver.di sind Ärzte im Promille-Bereich vertreten, beim Marburger Bund sind derzeit mehr als 2/3 der angestellten und beamteten Ärzte organisiert, was aktuell dem Stand von 1.000 zu 105.000 entsprechen dürfte, beim Marburger Bund Tendenz steigend -  im  Kontrast zu anderen beruflichen Interessenvertretungen, denen die Mitglieder davon laufen.
Bei ver.di sind die arztspezifischen Problem unverändert nicht verstanden, der Anhang 5 zum Vertrag TdL – Ver.di bietet ausreichend Anschauungsmaterial. Würden Sie z.B. privat einen Vertrag unterschreiben, bei dem sich solch schwammige Formulierungen mehrfach finden: "Die (Tarif)partner erwarten ... "?  - Gewartet haben Ärzte genug und sich neue, ausschließlich berufsfremde Aufgaben per Gesetz aufladen lassen müssen! – ver.di blieb und bleibt dazu stumm;

sollten Sie aber tatsächlich diese Ungeheuerlichkeit offiziell als Vertreter des Personalrats des Universitätsklinikums der Friedrich-Schiller-Universität Jena geäußert haben, dann sind Sie für mich in einer Leitungsposition innerhalb dieses Personalrates nicht tragbar, Sie sollten dann die notwendigen Konsequenzen ziehen. 

Mein Credo bleibt:

Ich habe den Beruf eines Kinderarztes erlernt –
nur : Wie  gerne würde ich diesen Beruf auch mal nur für Stunden wieder ausüben dürfen!


Dabei auf ein Quäntchen an Unterstützung hoffend, mehr für die Jungen, weniger für mich,

mit freundlichen Grüßen



Dr. med. Gunter Skirl

Oberarzt der
Abteilung für Neuropädiatrie