Von: Bjoern Mehlhorn Donnerstag, 1. Juni 2006
9.58 Uhr
An: ruediger.strehl@med.uni-tuebingen.de
Betreff: Die Ärzteeinkommen auf der Basis der Vereinbarungen der
Tarifgemeinschaft deutscher Länder TdL und ver.di sind Spitze
Sehr geehrter Herr Strehl,
vielen Dank für Ihre Stellungnahme, die ich im DÄ (http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=24390)
lese.
Sie schreiben von einer Poolbeteiligung. Ist diese gesichert? Ich habe als
Facharzt noch nie einen Cent gesehen - auch meine Oberärzte nicht. Habe ich also
einen Rechtsanspruch auf einen festgelegten Betrag aus dem Pool?
Wäre also die Aussage Ihrerseits so zu sehen, daß das Tarifangebot eine
verpflichtende Poolbeteiligung einer gewissen Höhe enthält?
Ein Freund - Chemiker - hat zwar keine Poolbeteiligung erhalten, wurde aber an
den Patenten und den Entlohnungen entsprechend beteiligt - das entspricht dem
wohl? Auch ist er bei BASF - also dem Pendant eines Krankenhauses in der
Chemischen Industrie - etwas besser bezahlt (ohne Nachtdienste) als jeder Arzt
(mit Nachtdiensten). Ich kann also eine Schlechterstellung hier nicht erkennen.
Sie schreiben "Mehr können die Universitätsklinika finanziell nicht verkraften."
- sinnvoll ist, alle Krankenhäuser und Ärzte bundesweit im Gehalt anzupassen.
Das DRG-System wird automatisch die gestiegenen Ausgaben in allen Bereichen
(Medikamente, Gehälter, "Hotel-"Kosten etc.) messen und dann - so das
Versprechen des Gesundheitsministeriums bei der Einführung dieses sehr
verwaltungsaufwändigen Abrechnungssystems - auch 1:1 zahlen. Sollte das
DRG-System hier unzulänglich sein, indem es wieder "Punkte" und "Genußscheine"
statt "EURO" verteilt, dann ist es wieder mal ein untaugliches System in der
Steuerung und Kalkulation der Einnahmen der "Gesundheitsindustrie".
Es wird soviel von "Industrie" und "Gesundheit produzieren" gesprochen - da muß
vorab die Einnahmenseite klar sein - wie in jeder Industrie. Ansonsten wäre der
Ansatz, "Gesundheit zu verkaufen", von vornherein falsch, wenn man nicht selbst
sagen kann, was das kostet. Jeder Auto-Hersteller kann sagen, was sein Auto
kosten soll - warum soll nicht jedes Krankenhaus und jeder Arzt sagen dürfen,
was er kostet?
Bedenken Sie, daß die Kaufkraft des Arztes in den letzten 30 Jahren bei weitem
nicht so gestiegen ist, wie die Kaufkraft z.B. eines Juristen. Der Jurist wird
üblicherweise an dem Streitwert prozentual beteiligt (BRAGO und nachfolgende
Gebührenwerke), der Arzt jedoch nicht prozentual am verhinderten
Arbeitsausfallentgelt seines Patienten (GOÄ mit Stand 1985). So ist der Pool -
gerade in den 5 neuen Ländern - nicht so gefüllt, daß die immer überbordendere
Leistung, die abgefordert wird, auch nur im geringsten ausgeglichen wird. Für
den Stundenlohn bekommt man keinen Handwerker mehr nachts aus dem Bett - egal in
welchem Besteuerungs- oder Berechnungszustand man die Zahlungen betrachtet
(Netto/Brutto etc.). In den 5 neuen Ländern zahlt man 100% der Ausgaben (Benzin,
Miete, Butter, Porto etc.), hat aber nur 88% der Einnahmen. Heißt das, daß die
Gesundheit der Menschen nur zu 88% wiederhergestellt werden soll? Oder heißt
das, daß wir ehrenamtlich arbeiten sollen? Was sagt denn der Pharmahersteller,
wenn das Produkt nur zu 88% bezahlt würde, wenn es ein Mensch aus den 5 neuen
Ländern schluckt? Oder wenn ein Herzschrittmacherlieferant nur 88% erhält, weil
sein Aggregat im Körper eines Menschen aus den 5 neuen Ländern schlägt? Warum
muß also ein Arzt bei gleichen Ausgaben in den 5 neuen Ländern sich mit weniger
zufrieden geben als ein Arzt in den alten Ländern?
Ein durchschnittlicher Pilot hat am Ende seiner nur 4 Jahre dauernden Ausbildung
in etwa die selben Schulden, die ein durchschnittlicher Medizin-Student am Ende
seiner länger dauernden Ausbildung hat. Der Medizinstudent hat jedoch noch
mehrere Jahre mehr keine Zahlungen in die Rentenkasse geleistet.
Dennoch hat sowohl der jung anfangende Copilot, als auch der Pilot später bei
geringerer Wochenarbeitszeit einen besseren Stundenlohn als der Arzt oder der
Professor.
Wenn Sie das Gehalt eines Professors anmängeln, geben Sie damit zu, daß er also
nur um die Ehre Willen arbeitet. Wir finanzieren also ein marodes
Gesundheitswesen durch die Ausbeutbarkeit und Ehrenhaftigkeit der Mitarbeiter?
Mit erwartungsvollem Gruß
Björn Mehlhorn
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