Kommentar zu dem Artikel

Verständlich, aber nicht solidarisch 

in der Ausgabe der TLZ vom 14.06.06 
 

Jena. (tlz)

"Wir haben den Eindruck, dass es den streikenden Ärzten am Klinikum nur noch darum geht, einen eigenen Tarifvertrag zu bekommen", sagte gestern Dr. Andreas Leichsenring, der Vorsitzende des Personalrats am Klinikum.

Denn eigentlich seien alle Probleme, die sich durch Tarifvertrag lösen lassen, inzwischen geklärt. Dr. Bernd Sallen, Mitglied des Personalrats, ergänzte: "Es geht doch den Ärzten um bessere Arbeitsbedingungen, günstigere Arbeitszeiten und um mehr Geld.

Das alles ist per Gesetz und nach dem Tarifvertrag geregelt, der zwischen der Tarifgemeinschaft deutscher Länder und Verdi ausgehandelt wurde." Inhaltlich sei somit der andauernde Streik der Ärzte nicht mehr zu verstehen.

Derzeit verdient ein Arzt zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn bei 42 Wochenstunden Arbeitszeit 3080,97 Euro pro Monat, im fünften Berufsjahr 3528,04 Euro. Nach dem Angebot der Tarifgemeinschaft deutscher Länder würde ein Berufsstarter 3200 Euro pro Monat, ein Arzt ab dem fünften Dienstjahr 4000 Euro bekommen. Vereinbart mit Verdi sind also Steigerungen zu den jetzigen Gehältern, die zwischen 3,86 Prozent im ersten und 17,81 Prozent im fünften Berufsjahr liegen.

Gesetzlich geregelt sei zudem eine Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche, die in stark mit Bereitschaftsdiensten belasteten Bereichen mit 54 Stunden ausgeweitet werden kann.

"Das Problem ist: Wir haben in der Arbeitsgruppe ´Arbeitszeit Ärzte´ für alle Kliniken ein Modell entwickelt, das den gesetzlichen Vorgaben entspricht.

Aber die Umsetzung scheitert am Widerstand der Ärzte, weil die auf die Einkünfte aus den Bereitschaftsdiensten nicht verzichten wollen", so Sallen.

Die Bereitschaftsdienste würden mit 95 Prozent der normalen Arbeitszeit vergütet bei höchstens 50 Prozent tatsächlich gearbeiteter Stunden.

"Jeder Arzt kann es ablehnen, mehr zu arbeiten als das Gesetz es festschreibt. Aber ein Großteil der Ärzte will nicht weniger arbeiten, weil sie keinen Gehaltsverlust in Kauf nehmen möchten.

Zudem haben viele Ärzte Angst, ihren Chefs zu widersprechen und rechnen auch anderweitig geleistete Überstunden nicht ab aus Angst vorm Chef. Das gibt´s natürlich, aber das kann kein Tarifpartner lösen", sagte Sallen.

Mit einem Tarifvertrag, der zwischen der ärztlichen Standesvertretung Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder nur für die Ärzte vereinbart wird, könnte eine Entsolidarisierung im Klinikum einhergehen, fürchtet Leichsenring. Marktwirtschaftlich sei für ihn der Streik der Ärzte verständlich: Es herrsche Ärztemangel und der Marburger Bund stelle 30 Prozent mehr Geld in Aussicht.

"Aber jeder, der in dem System ist, weiß: Es ist nicht ganz solidarisch." Denn natürlich sei zu befürchten, dass, wenn rund 700 Ärzte am Klinikum mehr Geld bekommen, rund 3800 nichtärztliche Beschäftigte womöglich Einbußen hinnehmen müssten.