Meine Grußadresse zur Streikwochen-Chill-Out-Party

oder

Ein neuer Tarifvertrag für uns -
meine Anmerkungen zu den Erläuterungen „unseres Gewerkschaftschefs“
 

Zitat:

1) Wir schreiben heute Tarifgeschichte: Wir haben den ersten eigenständigen Tarifvertrag für die Ärzte an Universitätskliniken erkämpft.

Historischer schon, da die Ärzte nun offensichtlich auch das Rechnen verlernt haben. Dies aber in guter Gesellschaft mit Tarifverträgen die auch ver.di mehrfach für seine "Schäfchen" abgeschlossen hat. Eine deutliche Verbesserung unserer Situation kann ich daraus nicht entnehmen. Zum Teil sind sogar finanzielle Einbußen zu erwarten, auch wenn dies mit der Besitzstandswahrungsklausel ausgeschlossen seien soll.


Zitat:

2) Wir haben – vor allem für die jungen Ärzte erhebliche Gehaltszuwächse erreicht.

  1. Wir haben das vom Arbeitgeber einseitig weggenommene Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld wiedergeholt
     

  2. Wir bekommen die einseitig hochgesetzte Arbeitszeit jetzt endlich auch vergütet
     

  3. Wir haben eine Verbesserung der Bezahlung der Bereitschaftsdienste erreicht. Für Dienste an Feiertagen gibt es erstmals auch einen Zuschlag von 25%
     

  4. Wir haben vernünftige Regelungen zur Rufbereitschaft durchgesetzt

Von erheblichen Gehaltszuwächsen ist die Rede – in welcher Form?
Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld wiedergeholt – im Vertragswerk ist davon keine Rede!
Sollte es sich jedoch um ein „eingearbeitetes“ Weihnachts- und Urlaubsgeld handeln, so muss dies von der angeblichen Gehaltsteigerung abgezogen werden. Ebenso die „einseitig hochgesetzte Arbeitszeit“ welche angeblich
„endlich auch vergütet“ wird.
 

Bsp. 1: 2005 (BAT B&L IIA Stufe 29, verheiratet, 2 Kinder)

3130 €    (ca.)        Monatliches Brutto bei 40 h/Wo incl. Ortszulagen etc. (abzüglich Kinderzulage – da diese ja weiterhin bestehen bleiben soll)
255,65 €                Urlaubsgeld
1104,63 €              "gekürztes" Weihnachtsgeld

38920,28 €             Jahresbrutto ohne Dienste bei 40 h / Woche

hochgerechnet auf eine 42 h Woche (105 %)

40866,29 €             Jahresbrutto

Laut ausgehandeltem Vertrag (Arzt im 4. Jahr)

44400,00 €             Jahresbrutto

unterm Strich + 8,6%

Soweit so gut!
Problematisch wird dies für Kollegen die ein „volles“ Weihnachtsgeld erhalten:
 

Bsp. 2: 2005 (BAT ??? IIA Stufe 29, verheiratet, 2 Kinder)

3130 €     (ca.)        Monatliches Brutto bei 40 h/Wo incl. Ortszulagen etc. (abzüglich Kinderzulage – da diese ja weiterhin bestehen bleiben soll)
255,65 €                 Urlaubsgeld

4418,52 € = 1104,63 € ("gekürztes" Weihnachtsgeld) x 4 (ca. 60% versus 15% Septemberbrutto )

42234,17 €             Jahresbrutto ohne Dienste bei 40 h / Woche

hochgerechnet auf eine 42 h Woche (105 %)

44345,88 €             Jahresbrutto

Laut ausgehandeltem Vertrag (Arzt im 4. Jahr)

44400,00 €             Jahresbrutto

unterm Strich + 0,12204 % (oder so ähnlich)


Zitat:

3) Wir haben aber vor allem durchgesetzt, dass die Einkommenstabelle bereits ab 1. Juli 2006 gilt. D.h. die Einkommenszuwächse gelten ab nächsten Monat! 4 Monate vorgezogene Gehaltserhöhungen stellen einen richtigen Brocken im Volumen dar.

Für die Kollegen die dem Bsp. 2 entsprechen wird der Punkt 3) zur Minusrunde im Jahre 2006 da sie ja kein Weihnachtsgeld im November bekommen und der Ausgleich mit dem Monatseinkommen nur zur Hälfte (6/12) kompensiert wird. In dem oben geschilderten Fall ein Verlust von über 2200 € Brutto in diesem Jahr für dieses Jahr.


Zitat:

4) Wir haben den Geltungsbereich klarstellen können und gesichert, dass dieser Vertrag für alle in der Patientenversorgung tätige Ärzte gilt.

Was ist mit den Kollegen im Labor? Die Solidarität bleibt auf der Strecke und wir werden durch zunehmende Spaltung weiter geschwächt!


Zitat:

6) Wir haben erreicht, dass der Marburger Bund alleinverantwortlich die Notlagentarifverträge für die Universitätsklinika verhandelt.

… mit einem „unabhängigen“ Gutachter der von den Unikliniken bezahlt wird. (Wess’ Brot ich freß . . . ) 


Zitat:

7) Wir haben eine Öffnungsklausel verankert, die landesspezifische Erweiterungen ermöglicht

Landesspezifische Regelungen haben im Osten bisher nur zu Einschränkungen (z.B. „Sparweihnachtsgeld“) geführt. Eine Verbesserung ist dadurch nicht zu erwarten.


Zitat:

Aber wir haben auch schwere Kröten schlucken müssen:

8) Wir haben nicht erreicht, dass eine nur gerechte Verkleinerung der Schere Ost-West kommt. Der Osten wird mit diesem Tarifabschluss große Probleme bekommen. Mehr war aber angesichts der heftigen Abwehr der Finanzminister aus den neuen Bundesländern  nicht möglich. Allerdings eröffnet die landesspezifische Öffnungsklausel eine Chance für die neuen Bundesländer hier Verbesserungen für die Universitätskliniken zu vereinbaren. Hier können sich die Finanzminister im Osten auf harte Forderungen einstellen.

Mit welchem Druck sollen diese harte Forderungen durchgesetzt werden. In einer „Tarifstreitfriedenszeit“ wohl kaum.


Zitat:

Insgesamt ist dieser Vertrag ein zwar schwer, aber letztlich doch hinnehmbarer Kompromiss.
 

…das bleibt zu überlegen . . . wann ist eigentlich die Urabstimmung?
 

Wir werden noch viel zu beraten haben. Da ich kein Tarifexperte bin, ergeben sich vor einer Urabstimmung noch folgende Fragen (kein Anspruch auf Vollständigkeit - bitte auch Fragen sammeln!):

Wer kann die beantworten?

Meine aktuelle Meinung muss ich wohl nicht zusammenfassen. Die Ost-West Differenz von 11 – 13 % habe ich lieber gar nicht erst kommentiert.

Ich stelle mir die Frage, ob der bloße Vertragsabschluß, scheinbar egal unter welchen Bedingungen, diese Opfer wert sind? Die einmalige Solidarität und die maximale Mobilisierung der Kollegen wurde für die Profilierung des Marburger Bundes gegen Feuerwasser und Glasperlen, für eine Nullrunde, verkauft. Jetzt ist der Marburger Bund zwar als Vertretung der Ärzte anerkannt, aber als zahnloser Stubentiger völlig unbrauchbar.

na dann Prost Kollegen!

 

Viel Spaß bei der Streikwochen-Chill-Out-Party! Ich habe Dienst und kann leider nicht erscheinen.

Tobias