email an Dr. Sallen, Mitglied des Personalrats (Verdi):

Gegendarstellung zum Verdi-Flugblatt "tarifbewegung 2006"

Sehr geehrter Herr Dr. Sallen,

ich hatte Ihnen gestern versprochen, die Informationen im Flyer „tarifbewegung 2006, Marburger Bund verbreitet Falschinformationen!!“ zu lesen und mich dazu zu äußern. Hier mein diesbezüglicher Kommentar:

Grundsätzlich ist zum Tarifabschluss, den Verdi auch für Ärzte abgeschlossen haben will zu sagen: "die Ärzte haben nur eine legitimierte Gewerkschaft, die Tarifverträge für sie abschließen darf, und die heißt Marburger Bund". Er vertritt mit aktuell 105.000 ärztlichen Mitgliedern mehr als 2/3 aller angestellten Ärzte. Verdi hat mit gerade ein paar hundert Ärzten diesbezüglich einfach nichts zu melden. Der Trick von Verdi und der TDL, den Ärzten einen Tarifvertrag überzustülpen zu wollen, ist ein inakzeptabler und extrem billiger Versuch den Marburger Bund auszubooten und die Interessen der Ärzte zu verkaufen. Das im Verdi-Tarifvertrag auch einzelne Verbesserungen für Ärzte enthalten sind, ist diesbezüglich völlig irrelevant. Wir Ärzte werden keinen Tarifvertrag mehr akzeptieren, den nicht unsere rechtmäßige Vertretung (der Marburger Bund) für uns abgeschlossen hat!

Zum zweiten möchte ich im Folgenden zu einigen Punkten des Flyers auch konkret Stellung nehmen.

Die erste Aussage des Flyers ist noch teilweise zutreffend. Der Marburger Bund legt für seine Berechnungen diejenigen Arztgehälter zu Grunde, die noch einen alten Vertrag (abgeschlossen bis 2003) haben und die damit unter den Ärzten das Privileg haben, noch Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld zu bekommen. Dass diese Berechnungsgrundlage in der Tat nicht alle Ärzte betrifft, kann man als trickreiche gewerkschaftliche Darstellung ansehen. Für wahrscheinlich weit mehr als die Hälfte der Ärzte stimmt diese Betrachtungsweise des Marburger Bundes aber. (Man fragt sich in dem Zusammenhang aber natürlich, warum man den Ärzten mit neuen Verträgen (ab 2004) einfach diesen erheblichen Bestandteil des Gehaltes stehlen konnte, ohne dass es einen Aufschrei der gewerkschaftlichen Vertretung gegeben hat).

Die 2. Aussage des Flyers ist lächerlich. Es wird darauf hingewiesen, dass mit dem neuen Tarifvertrag Unikliniken arztspezifische Entgeltregelungen bereits am dem 01.07.2006 anwenden können. Die Unikliniken könnten selbstverständlich schon seit Jahrzehnten bessere Arbeitsbedingungen für Ärzte bieten, sie tun es aber nicht! Was hat eine solche kann-Formulierung in einem Tarifvertrag zu suchen? Fehlt es da nur an gutem Willen, oder einfach an Professionalität?

Zur 3. Aussage: aktuell Verschlechterungen für den Osten zu akzeptieren und darauf zu hoffen, dass die dadurch vergrößerten Gehaltsunterschiede im Jahre 2010 in einem großen Schlag ausgeglichen werden, ist wohl getrost als Blauäugigkeit auszulegen.

In der 4. und 9. Aussage behauptet Verdi, dass das Weihnachtsgeld und ein Lohnausgleich für die 42 Stunden Woche in die Entgelttabelle eingearbeitet wurden. Für Ärzte, die bislang schon Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld bekommen haben, kann man diese Behauptung sicher getrost als Falschaussage bezeichnen. Ein Kollege und Mitstreiter von mir, ebenfalls Assistenzarzt, hat sich die erhebliche Mühe gemacht, sein Gehalt nach den umfangreichen Umstellungen im Tarifwerk auszurechnen. Er kommt auf einen Gehaltverlust von 3% gegenüber seinem bisherigen Vertrag. Beeindruckendes Ergebnis, das Verdi da „für uns“ erkämpft hat! Der Nachsatz in Aussage 9 „Damit ist die Zeit der unbezahlten Mehrarbeit beendet“ ist ohne erkennbaren Zusammenhang und nicht nachvollziehbar.

Die 8. Aussage des Flyers sagt, dass der Ausgleich für Sonderformen der Arbeit (Bereitschaftsdienste, Feiertage) erst noch ausgehandelt werden soll. Welche Druckmittel will Verdi denn nach Abschluss des Vertrages noch einsetzen, um bessere Konditionen für die Ärzte durchzusetzen??? Sind da auf Verdi-Seite wirklich Profis am Werk gewesen??? Wenn ja, kann man hier sicher eine böse Absicht unterstellen.

Die 10. Aussage (Seite drei oben) ist dann der Schlag ins Gesicht aller Ärzte, die gerade für menschliche Arbeitsbedingungen kämpfen. Wenn 24-Stunden-Schichten für Verdi akzeptable Arbeitsbedingungen sind, warum gibt es diese nicht längst für Krankenschwestern? Wir nennen einfach die Arbeitsstunden Nr. 9-24 Bereitschaftsdienst, streichen die Überstunden-, Nacht-, Wochenend- und Feiertagszuschläge und ziehen für die genannten Stunden auch noch 35% vom Lohn ab (meine Bereitschaftdienste werden mit 65% vom normalen Stundensatz bezahlt). Was wir da an Geld einsparen saniert die Klinikums-Finanzen auf Jahre! Spätestens bei dieser Vereinbarung zeigt sich, dass Verdi keinerlei Interesse an menschenwürdigen Arbeitsbedingungen für Ärzte hat.

Dass Herr Bsirske, als Chef von Verdi einen Verhandlungs- „Erfolg“ mit den öffentlichen Arbeitgebern auf Kosten der Ärzte erkaufen wollte, ist ein bedauerlicher Versuch. Er musste scheitern. Nach diesem Rohrkrepierer setzt er jetzt noch einen drauf, indem er versucht, seine Gewerkschaft und deren Mitglieder gegen die Mitglieder einer anderen Gewerkschaft aufzuhetzen. Dass er dabei Zwietracht zwischen Kollegen stiftet, die täglich zusammenarbeiten müssen, nimmt er in Kauf. Er leistet damit allen Mitarbeitern im Klinikum nur Bärendienste!

In meinen Augen wäre es am besten, wenn wir uns als Personalrat wieder um unsere eigentlichen Aufgaben, die Vertretung der Interessen aller Mitarbeiter des Klinikums kümmern würden, anstatt gegenseitige Schmähschriften zweier derzeit zerstrittener Schwestergewerkschaften an die Mitarbeiter und die Presse zu verteilen. Falls Sie dennoch weiterhin den Flyer „tarifbewegung 2006“ in Ihrer offiziellen Funktion als Personalrat verbreiten möchten, so möchte ich Sie hiermit bitten, dieses Schreiben als Gegendarstellung im Sinne des Presserechtes auszulegen und mit den Flyern zu verteilen.

Hochachtungsvoll, Ihr


Dr. H. S.


Mitglied des Personalrates
 

 

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Zusatz des Webmasters: Auf der Webseite des Personalrats wurde unter 'Gewerkschaften' ein Link zum Marburger Bund vergessen... Sicher ein Versehen!