Rede von Markus Arp auf der Streik-Kundgebung in Jena am 15.05.2006
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Ich bin überwältigt von diesem Auftakt heute. Der Auszug aus dem Klinikum,
furios begleitet von der begeisternd aufspielenden Samba-Gruppe „Furiosa“, bei
diesem himmlischen Wetter ist für mich einfach paradiesisch.
Wir hier in Jena begrüßen recht herzlich alle streikenden Ärzte – insbesondere
die angereisten Kollegen aus Leipzig, Dresden und Halle! Ihr habt die
„Mitteldeutsche Medizinerplattform“ gegründet und wir schließen uns an – als
Symbol für den Schulterschluss der Universitätsärzte in Thüringen, Sachsen und
Sachsen-Anhalt, gegen eine Zersplitterung und für einen bundeseinheitlichen
Tarifvertrag. Und das heißt nicht zuletzt auch eine Angleichung der Gehälter an
das Westniveau! Es kann nicht sein, dass die Arbeit eines Arztes je nach
Bundesland unterschiedlich vergütet wird!
Der Verhandlungsführer der TdL – Herr Möllring – hat ja nach dem Scheitern der
Tarifverhandlungen Ende letzter Woche verlauten lassen, dass den Ärzten jetzt
die Puste ausgehen würde. Dabei hat er auf die uns (noch) fehlende Streikkasse
hingewiesen. Dass aber unser Leidensdruck so groß ist, dass wir trotz
Verdienstausfällen so konsequent unseren Weg gehen, das hat er vielleicht nicht
gedacht und das werden wir ihm jetzt entsprechend zeigen! Wir werden nach 8
Wochen Streik auch eine Durststrecke von weiteren Wochen mit verschärften
Streikaktionen durchhalten, denn schließlich kämpfen wir für akzeptable
Arbeitsbedingungen in den nächsten Jahrzehnten.
An unserem ersten Streiktag in Jena im März standen wir hier mit 200 Kollegen.
Heute Morgen sind wir mit handverlesenen 320 Kollegen ausgezogen (das sind 45%
der ärztlichen Belegschaft) und das übertrifft alles, was wir uns vor wenigen
Tagen erhofft hatten. Auch die Vielzahl der geplanten Aktionen und die sehr
kreativ gestalteten Streikmaterialien zeigen, dass uns keineswegs die Puste
ausgeht. Toll, dass ihr alle hier seid! Und toll, dass so viele mitmachen!
Wir hören ja permanent dieser Tage von den Arbeitgebern die Klagelieder des
wirtschaftlichen Ruins der deutschen Unikliniken. Vergessen wird dabei, dass wir
mit jedem Arbeitstag das Krankenhaussystem massiv subventionieren, indem wir auf
Leistungsvergütungen verzichtet haben, die uns rechtmäßig zustehen.
Unsere Gesundheitsministerin Fr. Schmidt ließ Ende April erklären, sie sei
"erschüttert", mit welcher "Leichtigkeit" der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft
wichtige Untersuchungen und Behandlungen als nicht dringlich auffasse und auf
die "längere Bank" schieben wolle. Alle dringenden Fälle müssten so rasch wie
möglich behandelt werden. Krebs wuchere weiter und nehme keine Rücksicht auf die
Auffassung von Montgomery.
Darauf möchten wir ihr zwei Dinge erwidern:
Erstens:
Ende April wurden Frau Schmidt und Krankenkassenvertreter von Herrn Möllring zu
Gesprächen über die Tarifverhandlungen eingeladen. Wenn sie erst diese Einladung
ausschlägt, mit der Erklärung, dass sie in dem Tarifkonflikt keine Zuständigkeit
habe, und dann aus dem Hinterhalt mit obigen Bemerkungen schießt, dann sage ich
ihr: entweder Mitreden und Gestalten,
d.h. die Rahmenbedingungen schaffen, die für den Abschluss eines
bundeseinheitlichen Tarifvertrages notwendig sind und damit eine bessere Medizin
in Deutschland möglich machen oder Schweigen.
Das Zweite, was ich sagen will, ist:
Nicht wir sind verantwortlich für die Verstöße gegen rechtliche und moralische
Grundsätze, sondern sie – die Politiker und Arbeitgeber sind es, die
stillschweigend die tägliche Missachtung des geltenden Arbeitsrechtes billigend
in Kauf nehmen und uns an den Rande des Machbaren und darüber hinaus bringen,
während wir Tag und Nacht das Maximale für das Wohl unserer Patienten aus uns
herauspressen.
Ein neuer Tarifvertrag wird kommen und es gibt kein Zurück mehr.
Im Laufe der sich überstürzenden Ereignisse und durch den Austausch unter den
Ärzten haben wir gelernt, unseren Weg durch den Tarifnebel zu finden. Vorbei ist
das bloße Stillhalten und Abnicken. Wir lassen uns nicht mehr durch
fadenscheinige Versprechungen abspeisen, wir holen die Katze aus dem Sack.
Mit jedem Tag, an dem wir konsequent streiken und unserem Protest Ausdruck
verleihen, steigt die Wahrscheinlichkeit für den Abschluss eines akzeptablen
Tarifvertrages. Aber er wird letztlich nur dann wirklich akzeptabel sein, wenn
wir genauso konsequent und vehement die korrekte Umsetzung dieses Tarifvertrages
einfordern.
Herr Möllring und Vertreter von diversen Verbänden sowie Direktoren der
Universitätskliniken lassen in letzter Zeit gehäuft verlautbaren, dass der
Streik nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden darf. Der Ärztliche
Direktor der Unikliniken Bonn, sagt im Deutschlandfunk sogar, "Ich denke, man
kann nicht mehr behaupten, dass dieser Streik mit den Patienten ist. Dieser
Streik ist ganz eindeutig gegen die Patienten."!
Und: „Er warte darauf, dass ein Fall einmal vor Gericht komme und wegen
unterlassener Hilfeleistung untersucht werde.“
Zum Einem muss man dazu sagen, die Gesellschaft bekommt jetzt vielleicht einmal
das Gefühl dafür, wie es sein wird, wenn der Stellenabbau und die
Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern weiter so vorangetrieben wird.
Denn es wird längere Wartezeiten geben, wenn wir weiter die Medizin so
durchführen wollen, wie wir es heute tun.
Die können doch nicht im Ernst glauben, dass man ohne Geld in das System zu
geben oder eine Wertediskussion zu führen, alles so beibehalten kann und dabei
noch Profit machen kann.
Zum Zweiten möchte ich zu den obigen Vorwürfen sagen, dass sich jahrelang keiner
darum gekümmert hat, auf welchen Rücken die Qualitätsverbesserung, die
Ökonomisierung, der Ausbau der Forschung und zuletzt mit der neuen
Approbationsordnung die Intensivierung der Lehre in Wahrheit ausgetragen wurden.
Keine Menschenseele hat sich geregt bei der Knechtung der angestellten
Krankenhausärzte. Und auch bei dem Anziehen der Daumenschrauben bei den
niedergelassenen Kollegen wurde gebetsmühlenartig versucht, dem Volke zu
suggerieren, dass man dem viel zu gut verdienenden Arzt nicht nur das Attribut
„Gott in Weiß“ nehmen, sondern auch das Salär einmal ordentlich stutzten sollte.
Wir sind durchaus selbstkritisch genug, um zu sehen und zu erkennen, dass es
Kollegen gab und gibt, die sich dem Verständnis der hippokratischen Tugenden
entzogen und eigene Regeln aufgestellt haben. Und somit den ganzen Berufsstand
in Misskredit gebracht haben.
Doch dies sind doch genau wie in anderen Berufsgruppen Einzelfälle und wenn man
jetzt auf der Straße die zu zehntausenden streikenden Kollegen sieht, dann muss
doch jedem Bürger und Politiker klar sein, was die Wahrheit ist.
Wenn man eine Ökonomisierung des Gesundheitsbereiches in den Mittelpunkt stellt
und so die Spielregeln auslegt, dann darf man sich doch nicht wundern, wenn
Ärzte anfangen – gerade im niedergelassenen Bereich – auch ökonomisch zu denken
und zu handeln.
Die Kassenleistungen werden stetig reduziert und Privatleistungen werden zum
wirtschaftlichen Überleben notwendig. Wir wollen aber keine erstklassige Medizin
nur für 1. Klasse-Patienten!
Und wir Ärzte an den Universitätskliniken denken durchaus ökonomisch –
und zwar in einer Kosten-Nutzen-Rechnung, die nicht nur unseren Verdienst,
sondern auch unsere gesamten Arbeitsbedingungen, unsere Gesundheit und damit die
Gesundheit unserer Patienten einberechnet. Und das ist doch das, weswegen wir
den Beruf des Arztes gewählt haben.
Und jetzt noch ein direktes Wort an die Patienten, da - wie bereits erwähnt –
zurzeit gerne Öl ins Feuer gegossen und die Ängste der Patienten als Druckmittel
benutzt werde. Wir lassen Sie nicht im Stich, genauso wie wir es bislang nicht
gemacht haben, aber haben Sie bitte Verständnis dafür, dass wir jetzt konsequent
diesen Weg gehen müssen.
Und noch ein letztes Wort an Sie, Frau Schmidt und Sie, Herrn Möllring:
Wenn Sie mit demselben Verantwortungsgefühl an die Umgestaltung des
Gesundheitssystems und die Lösung der Tarifproblematik gehen, wie wir täglich an
unsere Arbeit am Patienten, dann bin ich zuversichtlich, dass wir bald zu einem
für alle Seiten zufriedenstellenden, bundeseinheitlichen Tarifabschluss kommen.